Hintergrund

Es erhöht die Anforderungen an seine Begründung

Ist das Kunst oder Dekoration?

Dekoration wird häufig von Kunst unterschieden, indem ihr Bedeutung, Reflexion oder interpretative Tiefe abgesprochen werden. Kunst gilt als Gegenstand von Interpretation und Reflexion, Dekoration dagegen als bloße Gestaltung, deren Wirkung keiner weitergehenden Auseinandersetzung bedarf.

Diese Unterscheidung enthält einen Widerspruch.

Wer behauptet, ein Objekt sei Dekoration und nicht Kunst, beschreibt nicht lediglich ein Objekt. Er trifft eine Unterscheidung. Er ordnet ein. Er setzt einen Kontext. Und er begründet, warum das Objekt auf eine bestimmte Weise verstanden werden soll.

Genau darin liegt das Problem.

Die Behauptung „Das ist Dekoration“ beruht bereits auf jenem Vorgang, durch den sie sich von Kunst abzugrenzen versucht: der Reflexion.

Das dekorative Paradoxon entsteht aus einer einfachen Annahme:

Kunst existiert nicht unabhängig von ihrer Betrachtung. Ohne Betrachtung existiert zunächst lediglich ein Objekt. Kunst entsteht dort, wo ein Objekt zum Gegenstand von Aufmerksamkeit, Interpretation und Reflexion wird.

Wer ein Objekt als Dekoration bezeichnet, betrachtet dieses Objekt bereits. Wer diese Zuschreibung begründet, reflektiert darüber hinaus seine Bedeutung, seinen Status und die Gründe seiner Einordnung.

Damit vollzieht er genau jenen Vorgang, durch den Kunst nach dieser Auffassung entsteht.

Das Paradoxon besteht darin, dass der Versuch, ein Objekt als bloße Dekoration von Kunst zu unterscheiden, bereits durch denselben Akt erfolgt, der den Kunstcharakter hervorbringt.

Die Aussage „Das ist Dekoration“ ist deshalb keine neutrale Beschreibung. Sie ist eine Setzung. Sie ordnet ein Objekt innerhalb eines bestimmten Bedeutungsrahmens ein und beansprucht Gültigkeit für diese Einordnung.

Je stärker diese Einordnung begründet wird, desto stärker tritt das Objekt in den Bereich der Reflexion ein. Die Behauptung beruft sich auf die Abwesenheit von Reflexion und erzeugt zugleich genau jene Reflexion, die sie dem Objekt abspricht.

Das dekorative Paradoxon behauptet nicht, dass jede Dekoration Kunst sei. Es zeigt vielmehr, dass die Abgrenzung von Kunst und Dekoration nicht außerhalb jener Prozesse steht, durch die Kunst entsteht.

Der Versuch, etwas als bloße Dekoration von Kunst zu unterscheiden, vollzieht bereits den Vorgang, durch den Kunst hervorgebracht wird.

Die Trennung wird dadurch nicht unmöglich. Sie verliert jedoch ihren selbstverständlichen Charakter.

Damit verschiebt sich die Frage.

Nicht mehr:

Ist das Kunst oder Dekoration?

Sondern:

Worauf beruht diese Unterscheidung überhaupt?

Das dekorative Paradoxon zeigt, dass Reflexion allein nicht ausreicht, um Kunst von Dekoration zu unterscheiden. Denn die Reflexion tritt bereits in der Zuschreibung selbst auf.

Damit verliert Reflexion ihren Status als eindeutiges Unterscheidungskriterium.

Die Frage nach Kunstqualität bleibt bestehen, muss jedoch präziser gestellt werden.

Welcher Aspekt macht Kunstqualität überhaupt möglich?

Je genauer diese Frage untersucht wird, desto deutlicher wird, dass sich Kunsturteile nicht auf absolute Kriterien zurückführen lassen. Am Ende beruhen sie auf einer Form von Resonanz zwischen Werk und Betrachtung. Diese Resonanz kann beschrieben, reflektiert und argumentiert werden. Sie kann jedoch keine allgemeingültige Verbindlichkeit beanspruchen.

Kunsturteile sind deshalb weder objektive Wahrheiten noch bloße Geschmacksurteile.

Sie sind begründbare Setzungen.

Ihre Stärke liegt nicht in ihrer Absolutheit, sondern in der Qualität ihrer Begründung.

Das dekorative Paradoxon führt daher nicht zur Auflösung des Kunstbegriffs.

Es erhöht die Anforderungen an seine Begründung.

Denn wenn bereits die Abgrenzung von Kunst und Dekoration auf Reflexion beruht, dann genügt die Berufung auf Reflexion nicht mehr, um Kunstqualität zu erklären.

Die Frage nach Kunst beginnt genau dort, wo einfache Antworten nicht mehr ausreichen.